Regen, Fluten und Weltuntergang

20.February 2013 - Coffs Harbour


In Coffs Harbour haben wir bei zwei Brüdern, beide Ende zwanzig gewohnt. Beide waren nett, aber wir haben nicht sehr viel Zeit mit ihnen verbracht. Zur gleichen Zeit wie wir hat dort auch noch ein anderes Mädchen namens Marceline couchgesurft. Sie kommt aus Holland und wir haben uns auf Anhieb gut mit ihr verstanden.
Deshalb haben wir die Tage in Coffs Harbour auch mit ihr verbracht. Gerne würden wir euch jetzt berichten, dass wir uns jeden Tag am Strand gebräunt haben, so wie ihr euch das wahrscheinlich vorstellt, wenn ihr an Australien denkt, aber es hat jeden Tag wie aus Kübeln geschüttet.
So haben wir die Tage mit Karten spielen und Kaffee trinken verbracht, nur abends haben wir uns aus dem Haus bewegt, um mit Marceline und ihren Freunden feiern zu gehen.
Nach drei ereignislosen Tagen haben wir uns entschlossen, diesem tristen ereignislosen Dasein ein Ende zu setzten und haben uns aus dem Weg in das im bergigen im Landesinnenren liegende Nimbin zu machen, so das Wetter besser sein sollte. Zufällig hat sich herausgestellt, dass Marceline auch nach Nimbin reist und dort den gleichen Couchsurfinghost wie wir hat. Mit Müh und Not haben wir es fertig gebracht, Marceline und ihr Gepäck zusätzlich in unser sowieso schon gnadenlos überfülltes Auto zu stopfen und mit kaum Luft zum Atmen, aber voller Freude, dem Regen zu entfliehen, sollte es losgehen.
Erste Ernüchterung: unglücklicherweise hatten wir vergessen, über Nacht die Lichter des Autos auszumachen und deshalb weigerte sich das gute Stück, trotz Starthilfe anzuspringen. So haben wir den Tag damit verbracht, darauf zu warten, dass ein Mitarbeiter der Autowerkstatt, die glücklicherweise genau auf der gegenüberliegenden Straßenseite lag, fünf Minuten Zeit entbehren konnte, um uns einen neue Batterie einzusetzen.
Gegen fünf Uhr Nachmittags konnten wir dann endlich Coffs Harbour verlassen, jedoch strömte es mittlerweile sinnflutartig und wir waren alle ein wenig beunruhigt. Obwohl die Scheibenwischer auf Höchstleistung arbeiteten, war es kaum möglich, mehr als 50 Meter weiter zu sehen und sobald uns auf der Gegenspur des Highways ein Truck entgegenkam, prasselte ca. eine Tonne Wasser auf uns nieder und man konnte den Verlauf der Straße nur erahnen. Nachdem wir ungefähr eine Stunde gefahren waren, fragte Vane, die Fahrerin "Leute??? Glaubt ihr, es wird besser oder noch schlimmer???". Noch bevor irgendeiner von uns antworten konnte, spritzte auf einmal das Wasser auf den Seiten des Autos meterhoch in die Höhe und wir schlitterten in eine Pfütze. Vane bremste panisch und wir blieben mitten auf den Highway stehen und für ein paar Sekunden blieb es totenstill. Als wir uns alle wieder etwas gefasst hatten und weiterfahren wollten, mussten wir feststellen, dass das Auto zum zweiten Mal an diesem Tag NICHT anspringen wollte. Zum zweiten Mal trat Totenstille ein, bis Ade emotionslos das Schweigen brach "mach mal ´n Warnblinker an". Am Straßenrand konnten wir Gott sei Dank Männer in gelben Jacken sehen, Mitarbeiter der New-South-Wales-Katastrophenorganisation. Franzi stieg aus, um Hilfe zu holen und es schappte eine Ladung voll Wasser ins Auto. Da der Wasserspiegel, wie wir zu unserem Entsetzen feststellen mussten, höher war als der der Boden des Autos. Erst jetzt wurde uns das Ausmaß der Katastrophe bewusst- wir waren nicht in eine Pfütze, sondern in einen regelrechten SEE gefahren. Nicht gerade zu unserer Beruhigung beitragend war die sich-jetzt-bildende Autoschlange hinter uns. Die Männer haben uns jetzt mit einer riesen, ich nenn es jetzt mal Maschine, rausgeschupst. Ja, rausgeschupst ist das richtige Wort! Immer wieder rumpste es gegen die Rückseite unseres Autos und stoßweise gelangten wir zum Seitenstreifen, 500 Meter vom Unglücksort entfernt. Die Männer versicherten uns, Hilfe zu holen, sobald sie wieder Handyempfang hätten und die Straßen wieder durchlässig wären und so blieb uns nichts anderes übrig als zu warten. Zwei Stunden später kamen die Männer nochmals vorbei und erkundigten sich nach unserem Wohlergehen, das selbstverständlicherweise hätte besser sein können. Sie bestätigsten noch einmal, dass sie Hilfe holen würden und verleißen uns nicht ohne noch einmal den typischen australische Satz "no worries girls" (=keine Sorgen Mädels) zu sagen. In einer solchen Situation einen solchen Satz zu sagen, bringen auch nur die Australier fertig, wie hätten wir uns denn keine Sorgen machen sollen? Teils aus Langeweile, teils um seinen Worten Beachtung zu schenken versuchten wir, uns mit ein wenig Musik abzulenken: Marceline packte ihre Ukulele aus und wir begannen, lautstark zu singen.
Unser Versuch, selbst Hilfe zu holen, indem wir die Versicherung anriefen scheiterte kläglich, als uns die Dame umständlich erklärte, dass sie uns in einer solchen Situation auch nicht helfen könne.
Mittlerweile waren weitere drei Stunden verstrichen und es war stockdunkel. Der einzige Lichtschein waren die Scheinwerfer der Rausschupsmaschiene, die aus 500 Meter Entfernung durch das Fenster des Rückfensters schienen.
Doch der Tiefpunkt des Abends sollte erst erreicht werden, als Adeline und Marceline sich in den peitschenden Regen begaben, um die Männer nochmals zu fragen, wann uns denn geholfen werden würde.
In den vergangenen fünf Stunden waren die zwei Lichter der Maschiene im wahrsten Sinne des Wortes unser Hoffnungschimmer, da sie uns versicherten, dass wir nicht alleine waren.
Zu ihrem Entsetzen mussten Ade und Mars feststellen, dass das Licht nur aufgestellte Halogenlampen waren und die Männer samt ihrer Fahrzeuge verschwunden waren, ohne uns ein Sterbenswörtchen davon zu sagen.
Darf ich unseren lieben Bloglesern nochmal die Situation vor Augen halten: vier Mädchen samt Gepäck alleine mitten auf dem Highway in einem kaputten Auto in der Finsternis bei sinnflutartigem Regen und peitschenden Wind ohne Handyempfang.
Ich kann euch versichern: der Puls liegt dann bei 120 und die Bedeutung des Worts PANIK erweitert sich um Dimensionen.
Ein anders Wort, das an diesem Abend eine andere Bedeutung bekommen hat ist GLÜCK im UNGLÜCK. Verzweifelt begaben sich Ade und Marceline auf die Suche nach Hilfe, bis sie schließlich auf ein stockfinsteres Haus stießen. All ihren Mut zusammennehmend klopften sie dann an der Tür und wurden zu ihrer Erleichterung von einer netten Familie begrüßt. Diese bot den beiden an, nachdem sie sich die Situation schildern lassen haben, bei ihnen Unterschlupf zu finden. Sie warten die beiden Mädchen jedoch, dass sie keinen Strom hätten und dauernd die Warnung von einer möglichen Evakuierung bekommen hätten. Erleichert, einen Schlafplatz und ein Dach über dem Kopf bekommen zu haben gingen wir nur mit dem nötigsten Gepäck (in dem Fall der Evakuierung) zum Haus der netten Familie.
Die Mutter Karen hatten für jeden von uns eine wärmende Tasse Tee vorbereitet und wir verbrachten den Großteil er Nacht am Küchentisch im Kerzenschein, wartend auf neue Nachrichten für die Evakuierung, bis alle zu müde waren und wir uns doch entschieden, ein wenig zu schlafen.
Am nächsten Morgen wurden wir von strahlenden Sonnenschein geweckt und bei dem Blick aus dem Fenster kamen einem die Ereignisse der letzten Nacht seltsam weit entfernt vor. Zwei Probleme hatten sich aber über Nacht nicht gelöst: die fehlende Elektrizität und das kaputte Auto.
Bread, der Familienvater hat uns dann angeboten, das Auto kostenlos von einem Freund abschleppen zu lassen und es sich unter die Lupe zu nehmen. Am Nachmittag kamen die Männer dann mit einem fahrenden Auto zurück. Per Stromgenerator und Pumpe hatten sie das komplette Auto vom Wasser befreit und es fuhr wieder wie neu. Ihr könnt euch sicherlich vorstellen, wie glücklich und erleichter wir waren! Wir hatten schon die ganze Zeit damit gerechnet, dass das nun das Ende unseres Autos sei, da wir uns keine teure Reperatur hätten leisten können.
Natürlich wollten wir aber trotzdem bei den Männern mit etwas Geld bedanken, das nahmen sie aber nicht an, sie sagten nur, sie freuen sich, helfen zu können und eine Beschäftigung für den Tag gefunden zu haben.
Doch auch wir haben die Zeit sinnvoll genutzt und für die komplette Mannschaft Spätzle, Schnitzel und Bratensoße vorbereitet und der Abend wurde mit unzähligen Weinflaschen, vielen Kartenspielen und einer Runde Kniffel (bei der Vane tatsächlich vier Kniffel gewürfelt hatte) gefeiert.
Es ist einfach wunderbar und inspirierend, so eine Gastfreundschaft und Hilfsbereitschaft zu erfahren und wir hoffen, diese Erfahrung in Deutschland weitergeben zu können.
Am nächsten Tag konnten wir dann unseren Weg nach Nimin fotsetzen. Den Umweg von drei Stunden, da viele Straßen noch gesperrt waren, nahmen wir nach dieser Erfahrung natürlich gerne in Kauf!